
Kirchliche Stiftung des öffentlichen Rechts
27.04.2012
04.05.2012
Suppenkelle statt Kreide
Suppenkelle statt Kreide
Arbeit mit Randgruppen statt Klassenarbeit:
Schülerinnen im Sozialpraktikum "COMPASSION"
Die Schülerinnen der 11. Klasse des Dominikus-Gymnasiums in Karlsruhe arbeiten zwei Wochen lang mit Menschen am Rande der Gesellschaft. „Compassion“ heißt dieses Sozialpraktikum, das an allen katholischen Schulen in der Erzdiözese Freiburg Pflicht ist.
Katja Hirschinger und Samira Motekallemi besuchen die 11. Klasse im St.-Dominikus- Gymnasium. Sie machten ihr Sozialpraktikum im Herz-Jesu-Stift, einem Haus der „Schwestern vom Göttlichen Erlöser" in Karlsruhe. Im Pater-Pio-Haus bereiten die Schwestern täglich Mittagessen für Obdachlose.
Konradsblatt 29/2004, Autor: Markus Vollstedt
„Das ist das Beste, was uns passieren konnte – jetzt applaudiert mal alle für unsere Helferinnen!“ Die Frau im Obdachlosen-Treff des Pater-Pio-Hauses in Karlsruhe ist aufgestanden und zeigt auf die beiden Schülerinnen aus dem Karlsruher Dominikus-Gymnasium, die gerade Suppe ausgeschenkt haben. Gut 40 Obdachlose in dem gut gefüllten Raum klatschen. Samira Motekallemi und Katja Hirschinger schauen etwas verlegen, dann kommt auch schon der Nächste und möchte noch einen Schlag Suppe.
Die beiden Schülerinnen helfen hier zwei Wochen mit, acht Stunden täglich ab halb neun. Wie alle anderen aus der 11. Klasse nehmen sie am „COMPASSION-Projekt teil, das heißt, dass sie zwei Wochen lang in einer sozialen Einrichtung mitarbeiten müssen. Insgesamt standen 41 Einrichtungen aus den Bereichen Menschen mit Behinderung, alte Menschen, Menschen ohne Wohnung und Menschen mit einer Krankheit zur Verfügung. Jede Schülerin musste sich für ein Praktikum entscheiden.
Von Zwang kann bei Samira und Katja aber keine Rede sein – das Pater-Pio-Haus war für Katja und Samira erste Wahl. Sie wollten Menschen ohne Wohnung näher kennen lernen, „denn auf der Straße läuft man achtlos an ihnen vorbei“, sagt Samira. „Aber wer nur einen Tag hier gearbeitet hat, der wirft alle Vorurteile über Bord. Das sind ganz normale Leute wie du und ich, viele haben sogar studiert“, sagt Katja.
Den selbstverständlichen Umgang mit den Wohnungslosen haben die beiden sich bei Schwester Margot abgeschaut. Sie ist die Leiterin des Hauses und das große Vorbild für Katja und Samira. Es beeindruckt die Mädchen, wie die Ordensschwester immer für ihre Gäste da ist und trotzdem durchgreift: Selbst Männer, die doppelt so groß und stark sind wie die zierliche Margot kuschen, wenn sie sie ermahnt, erzählt Katja. „Aber sie gibt nie jemanden auf.“
Mittlerweile ist das Mittagessen vorbei – die beiden Schülerinnen räumen die Tische. Gegen Abend werden Samira und Katja zwar die Füße weh tun, „aber dafür geht die Zeit viel schneller rum als in der Schule.“
Gemeinsamer Spaziergang rund um das Anna-Walch-Haus. Drei Schülerinnen absolvierten in dem Karlsruher Altenheim ihr „Compassion" - Praktikum.
Unser Bild zeigt Veronique Weber mit Fred Urban
Die „soziale Sensibilität“ der Jugendlichen fördern
Aber sind zwei Wochen nicht viel zu kurz, um wirklich einen Einblick zu bekommen? Schwester Margot schüttelt heftig den Kopf: „Selbst wenn jemand nur einen Tag hier mitarbeitet, entdeckt er den Menschen hinter dem vermeintlichen ,Penner‘“, sagt Schwester Margot.
Vorurteile gegenüber Menschen abbauen, mit denen man sonst kaum in Berührung kommt, das ist eines der Ziele von „Compassion“, seit das Projekt 1992 von der Zentralstelle Bildung der Deutschen Bischofskonferenz ins Leben gerufen wurde. Das zweiwöchige Praktikum soll zudem die „soziale Sensibilität“ der Jugendlichen fördern. Ihre Bereitschaft, Krankheit, Not und Leid ganz bewusst wahrzunehmen und sich für die Betroffenen zu engagieren, soll gestärkt werden.
In den Schulen der Schulstiftung der Erzdiözese Freiburg wurde das Sozialpraktikum verpflichtend eingeführt. Dafür erhielt die Schulstiftung 2002 den Alcuin Award der Europäischen Elternorganisation „European Parents Association“ (EPA).
„Die Schülerinnen sollen Menschen am Rande der Gesellschaft kennen lernen“, sagt Annette Wawroschek, die als Lehrerin am Dominikus-Gymnasium für „Compassion“ zuständig ist. Anschließend änderten sich fast immer die Einstellungen zu den Benachteiligten: „Einige kritisieren anfangs noch den Zwang, aber hinterher sind sie immer begeistert“, sagt Annette Wawroschek.
Franziska Schmerbeck ist eine von denen, die zunächst bedauerten, dass sie nicht in ihrem Traumberuf ein Praktikum machen können: „Ich will mal im Hotel arbeiten und dachte, dass ich mit Kindern nicht so gut klar komme“, sagt sie. Dann dreht sie sich um und spielt weiter Karten – mit Kindern. Auch sie hat ihre Vorurteile über Bord geworfen. Jetzt ist sie froh, dass sie hier an der Alb-Schule für geistig Behinderte in Karlsruhe mitarbeitet. „Ich habe meine Meinung komplett geändert“, sagt sie. Und das Hotel-Praktikum macht sie in den Sommerferien.
Für ihre Freundin Hannah Burkardt ist das hier allerdings auch ein Berufspraktikum. „Ich will sowieso Sonderschullehrerin werden“, sagt sie. Gerade bastelt sie mit behinderten Schülerinnen und Schülern Papiertulpen, sie hat auch schon mal eine halbe Klasse allein unterrichtet. Manche finden bei „Compassion“ auch ihren Beruf.
Andere kriegen hier aber auch erst Respekt vor sozialen Berufen. So wie Johanna Feix, Annika Essig und Veronique Weber. Die drei Elftklässlerinnen haben sich für „Compassion“ das private Altenheim „Anna-Walch-Haus“ in Karlsruhe ausgesucht. „Pflege rund um die Uhr, das ist ein harter Job, auch psychisch, ich glaube, als Beruf könnte ich das nicht“, sagt Johanna. Aber als Praktikum gefällt es den dreien ausgesprochen gut. „Die älteren Herrschaften freuen sich so, wenn wir uns mit ihnen unterhalten“, sagt Veronique. So wie Fred Urban. Der 77-Jährige freut sich schon, dass er gleich mit Veronique spazieren gehen kann. „Ich gebe einen aus“, feixt er und schenkt der Schülerin eine Orange. Dann fängt er auch schon an, einen Witz zu erzählen. „Das kann er stundenlang“, sagt Veronique und bugsiert Herrn Urban in den Fahrstuhl, um mit ihm an der Alb entlang zu spazieren.
Der stellvertretende Heimleiter, Michael Gieseler, ist sich sicher: „Es ist gut, dass die Schüler Umgang mit alten Menschen haben, was sonst so wohl nicht der Fall wäre.“ Auch hier sollen Vorurteile abgebaut werden.
„Ich will mal im Hotel arbeiten und dachte, dass ich mit Kindern nicht so gut klar komme. Ich habe meine Meinung komplett geändert."
Die Jugendlichen lernen „etwas fürs Leben“
Genau wie im „Club Pinguin“. Hier trifft sich eine Randgruppe, die in der Gesellschaft ebenso wenig bekannt ist wie Obdachlose, geistig Behinderte und Alte: Psychisch Kranke. Yvette Melchien und Arnika Fürgott haben sich den Club in der Karlsruher Innenstadt für ihr Praktikum ausgesucht. Jetzt sitzen sie gemeinsam mit einem halben Dutzend Erwachsener um zwei große Tische und schleifen Specksteine. Zunächst sitzen sie noch allein, doch dann will Georg Weikert Yvette seine Arbeit zeigen. Er hat ein Samenkorn aus dem Speckstein geformt, so groß wie seine beiden Hände.
Georg Weikert ist einer der Gäste im Club. „Hierher kommen Erwachsene zum Beispiel nach einer psychischen Krankheit. Diese Menschen brauchen vor allem einen Tagesablauf und Kontakte zu anderen, weil sie oft einsam sind“, sagt die Leiterin der Einrichtung, Grazyna Lipinski. Da kommen Yvette und Arnika gerade Recht. „Die Schülerinnen sind für uns deshalb so wertvoll, weil das Ghetto, in dem psychisch Kranke oft leben, aufgebrochen wird“, so Grazyna Lipinski. Und für Yvette ist es auch ein Berufspraktikum, sie will später auf jeden Fall im sozialen Bereich arbeiten.
Katja und Samira wollen zwar nicht gleich bei Schwester Margot arbeiten, aber doch mal wieder vorbeischauen, wenn das Praktikum vorbei ist. Und dass sie hier was gelernt haben, ist für Eddy Helmstetter klar. Unter den Obdachlosen heißt er nur „Eddy der Große“ und er weiß: „Hier lernen die Mädchen was fürs Leben, zum Beispiel dass man über keinen schlecht reden sollte, dessen Situation man nicht kennt.“
COMPASSION
Das „Compassion" - Projekt wurde 1992 in einer Arbeitsgruppe der Deutschen Bischofskonferenz entwickelt und in den katholischen Schulen in der Erzdiözese Freiburg erprobt. Alle Schülerinnen und Schüler der zehnten oder elften Klasse müssen ein mindestens 14-tägiges Praktikum in sozialen Einrichtungen absolvieren. Mittlerweile ist „Compassion" an katholischen Schulen in der der ganzen Bundesrepublik eingeführt. Die baden-württembergische Kultusministerin Annette Schavan befürwortet das Projekt auch für die staatlichen Schulen. Im Jahr 2002 hat die "Compassion" - Initiative der Schulstiftung der Erzdiözese Freiburg in Turin den Alcuin Award 2002 der Europäischen Elternorganisation „European Parents Association" (EPA) erhalten.
Das Konradblatt-Titelbild des zeigt die Schülerin Johanna Feix mit Maria Poschko bei einem Spaziergang am Anna-Walch-Haus in Karlsruhe.
aus Konradsblatt, Nr. 29/2004
Titel vom 18.07.2004
Seiten 20/21