Schulstiftung der Erzdiözese Freiburg
Kirchliche Stiftung des öffentlichen Rechts
Compassion

Projekt Solidaritätsschöpfung

aus:HERDER KORRESPONDENZ 55 / 12/2001 / Seite 612 - 617

„Projekt der Solidaritätsschöpfung"

Fragen an den Religionspädagogen Lothar Kuld zum sozialen Lernen

Ist die Schule jetzt auch noch für das Lernziel Mitmenschlichkeit verantwortlich? Wir befragten den Karlsruher Religionspädagogen Lothar Kuld zu den Erfahrungen des Compassion-Projekts, den Sinn sozialen Lernens und dessen Chancen angesichts der gegenwärtigen Bildungsdebatten. Die Fragen stellte Stefan Orth.

HK: Das Compassion-Projekt wurde an kirchlichen Schulen entwickelt. Warum ist das soziale Lernen überhaupt ein Thema geworden? Welche Defizite sollen mit welchem Ziel überwunden werden?

Kuld: Alfons Weisbrod, dem ehemaligen Direktor der Schulstiftung der Erzdiözese Freiburg, und den anderen Initiatoren des Projekts ging und geht es darum, den Entsolidarisierungstendenzen in unserer Gesellschaft entgegenzuwirken. Die Individualisierung der Lebensläufe, mit der ja viele Freiheiten verbunden sind, hat bekanntlich ihre Kehrseiten. Sozialverpflichtete Haltungen haben keine Konjunktur. Sie müssen gestützt und neu gelernt werden. Traditionelle Orte sozialen Lernens, die Familie, die Kirche, der Verein, haben an Binde- und Prägekraft verloren. Deshalb wächst den Schulen eine neue Aufgabe zu. Compassion-Schulen reagieren darauf so, dass sie Schülerinnen und Schüler mit Menschen zusammenbringen, denen die meisten Schüler wahrscheinlich nie begegnen würden, wenn es dieses Projekt nicht gäbe. Und die Schüler merken oft zum ersten Mal - es ist erschreckend, aber es ist so -, dass diese Menschen in ganz anderen Lebenslagen Menschen sind „wie wir", die so genannten normalen, gesunden, glücklichen.


HK: Dass das Projekt an kirchlichen Schulen erfolgreich verlief, überrascht kaum. Im „normalen" Schulbetrieb erscheint es aber möglicherweise als zu aufwändig, ein solches Sozialpraktikum einzuplanen, weil angesichts der sowieso schon reichlich dicken Lehrpläne zu viel Zeit verloren geht.

Kuld: Tatsächlich erschien so etwas an weltanschaulich neutralen Schulen zuerst als unmöglich. Bei den staatlichen Schulen sah man zunächst zudem als ein Problem an, dass die Schüler innerhalb des Compassion-Projekts an dem Sozialpraktikum verpflichtend teilnehmen. Weder die Schüler selbst noch die Eltern können sich hier verweigern. Als das Kultusministerium in Baden-Württemberg das Vorhaben aufgegriffen hat, wurden die angebotenen Fortbildungen jedoch überrannt und trotz Zusatzterminen kamen nicht alle Interessierten zum Zuge. Inzwischen gibt es ein solches Projekt an vielen Schulen, darunter auch staatlichen. Nicht alle sprechen von „compassion", aber das Konzept ist das gleiche: ein für alle Schüler verbindliches Praktikum in einer sozialen Einrichtung während des Schuljahrs und eine intensive unterrichtliche Begleitung. Alle Schulen, ob staatlich oder privat, stellen gleichermaßen einen wachsenden Bedarf an Solidaritätsfähigkeit, einfacher gesagt: an Hilfsbereitschaft, fest, dem sie entsprechen wollen.


HK: Ein solches Sozialpraktikum darf demnach nicht lediglich etwas sein, das man dann in Angriff nimmt, wenn man am Ende des Schuljahrs in einer Klasse noch ein bisschen Luft hat?

Kuld: Es gibt viele Formen von Sozialpraktika. In unserem Fall steht das Erlebnis eines Praktikums nicht für sich, sondern es wird wo immer möglich mit Fachunterricht verknüpft und dort reflektiert. Gesucht werden Lehrerkollegen anderer Fächer, die von ihren Themenstellungen her weitere Anknüpfungspunkte geben. Wenn eine solche Begleitung fehlt, bringt ein Praktikum allein wenig, wie Untersuchungen zeigen. Es ist auch gut, wenn das Projekt im Bewusstsein der Schule verankert ist und Eltern, Lehrer und Schüler wissen, dass an diesen Schulen die Schüler etwas lernen, was sie an anderen nicht lernen.


HK: Sie haben das Compassion-Projekt zusammen mit Anderen wissenschaftlich begleitet und die Prozesse in den Klassen ausgewertet. Mit welchen Ergebnissen?

Kuld: Wie alle ändern stehen auch junge Leute unter dem Druck der Maxime, jeder müsse in erster Linie nach sich selbst schauen, um nicht „der Dackel“ zu sein – wie die Schüler sagen. Die Stärkung einer sozialverpflichteten Haltung durch ein begleitendes Sozialpraktikum lässt sich jedoch tatsächlich empirisch nachweisen. Wir haben in der wissenschaftlichen Evaluation allen Schülern zu Beginn des Schuljahrs, also ungefähr ein halbes Jahr vor Beginn des Praktikums, unter anderem folgende Frage gestellt: Steht man vor sich selbst moralisch besser da, wenn man anderen hilft? Am Anfang stimmten dem an allen Schulen ungefähr 80 Prozent der Schüler zu. Ein Jahr später sagen an den Kontrollschulen nur noch ungefähr 70 Prozent „ja“, mit fallender Tendenz, während der Anteil an den Schulen, die sich am Compassion-Projekt beteiligen, auf 90 Prozent steigt.


Lothar Kuld (geb. 1950) ist Professor für Katholische Theologie/Religionspädagogik an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe. Seine Arbeitsschwerpunkte: moralische und religiöse Entwicklung, theologische Biographieforschung. Er ist einer der Experten in der Arbeitsgruppe „Neue Lern- und Lehrkultur“ der Bund-Länder-Kommission „Forum Bildung“. die im Januar ihre Empfehlungen für die Bildungspolitik vorlegen wird.


HK: Wie war die Reaktion auf Seiten der Schulen und der Schulverwaltung? Inwieweit hat das Compassion-Projekt inzwischen über den ursprünglichen Entstehungskontext hinaus Kreise gezogen?

Kuld: Zunächst einmal haben viele andere freie katholische Schulen in Deutschland nachgezogen, von Bremerhaven über Dresden bis München, selbst in Österreich gibt es inzwischen Schulen, die sich haben anregen lassen. Der Sprung in die staatlichen Schulen ist in Baden-Württemberg erfolgt, ohne dass dies von uns forciert worden wäre.


„Der ganz normale alltägliche Unterricht gewinnt für die Schüler an Lebensrelevanz"


HK: Den Teenagern wird mit einem Einsatz in einem Alten- und Pflegeheim einiges zugemutet. Wie haben die Schülerinnen und Schüler den oft nicht leichten Alltag in einer solchen Einrichtung erlebt und verkraftet?

Kuld: Wir haben die Schüler vor dem Praktikum befragt, ob sie überhaupt Lust dazu haben. Ein Großteil der Schüler ist zu diesem Zeitpunkt noch eher zurückhaltend, abwartend. Ein halbes Jahr nach dem Praktikum sagen jedoch rund 80 Prozent der Schüler, dies sei für sie eine wichtige Erfahrung gewesen und jeder sollte einmal ein solches Praktikum machen. Etwa die Hälfte der Schüler äußert, etwas Sinnvolles getan und das Gefühl gehabt zu haben, gebraucht zu werden.


HK: Ist das eine Erfahrung, die Schüler und Schülerinnen heute anders nicht machen können?

Kuld: Vor allem für Gymnasialschüler ist es offensichtlich ein Problem, dass sich in der Schule ihrer Wahrnehmung nach keiner richtig für sie interessiert. In einem der Interviews hat mir gegenüber ein Schüler, der Banker werden will, das Praktikum im Vorfeld als „soziales Zeug" abgelehnt. Weil er sich nicht zuviel zumuten wollte, ist er in einen Kindergarten gegangen. Er war zum einen davon überrascht, wie anstrengend eine solche Tätigkeit ist, so dass sein Respekt vor den Erzieherinnen enorm gewachsen ist. Nach drei, vier Tagen haben manche Kinder auf ihn gewartet. Was ansonsten weder in der Schule noch zu Hause vorkomme, ist für ihn eine „Wahnsinnserfahrung" gewesen.


HK: Haben sich denn alle Jugendlichen mit ähnlichem Engagement beteiligt?

Kuld: Natürlich gibt es Unterschiede zwischen den Schülern. Die Hälfte aller kirchlich sozialisierten Jugendlichen in den von uns untersuchten Schulen ging in Einrichtungen mit behinderten oder alten Menschen, also in Heime, die aus der Sicht von jungen Menschen als schwierig und hart gelten. Von den kirchlich nicht gebundenen Schülerinnen und Schülern tat dies kein einziger. Hier bestätigt sich die These von Gerhard Schmidtchen, derzufolge die kirchlichen Milieus jene Haltungen ausbilden, von denen die Gesellschaft lebt, ohne sie selbst reproduzieren zu können. Folgende Nuancierung ist dabei allerdings wichtig: Nach unseren Analysen waren die kirchlichen Jugendlichen diejenigen, die auch sonst gut integriert sind, gute Erfahrungen mit Erwachsenen gemacht haben und vom Vorbild ihrer Eltern profitieren, die sich für andere engagieren - und zwar über das eigene Umfeld mit der bettlägerigen Großmutter hinaus, von der sie am Ende erben. Die Kirchendistanzierten haben solche Vorbilder zu einem erheblichen Teil weniger.

HK: Skeptiker wenden ein, soziales Lernen sei eine Aufgabe, die in den Elternhäusern geleistet werden müsste. Handelt es sich nicht um eine Überforderung der Schule, wenn zu allen anderen Erziehungsaufgaben, die Lehrer heute leisten müssen, jetzt auch noch das soziale Lernen dazu kommt?

Kuld: Tatsächlich gibt es, vor allen Dingen bei den Lehrkräften, spontan solche Abwehrreaktionen. Aber an den Schulen mit einem Compassion-Projekt gewinnt letztlich auch der ganz normale alltägliche Unterricht für die Schüler an Lebensrelevanz. Sie machen Erfahrungen, die auch ihre Lehrer unter Umständen noch gar nicht gemacht haben. Sie beginnen davon zu erzählen, verdeckt oder offen, und stellen neue Fragen. Welchen Sinn macht eigentlich das, was in der Schule geschieht? Vieles im Unterricht, aber auch im Umgang miteinander, sehen die Schüler kritischer. Der Schulalltag gewinnt dadurch an Lebensernst. Für viele Schüler ist die Schule wie die Arbeit in einer Fabrik, die sie im Inneren nichts angeht. Alle gegenläufigen Behauptungen bleiben für die Schüler pure Rhetorik. In den Compassion-Schulen beginnen die Schüler dagegen, einen Unterricht zu fordern, der mit dem Leben zu tun hat.


„Wichtig ist die Einsicht: Das sind Menschen, wie ich selbst einer bin"


HK: Was folgt daraus für den Unterricht?

Kuld: Für die Lehrer wird das Unterrichten natürlich auch anstrengender. Die Schüler werden kritischer gegenüber den offenen und den mehr heimlichen Zynismen, die es in der Schule gibt: unter den Schülern, aber auch auf Seiten der Lehrer. Die Schulen selbst werden sich meiner Prognose nach dadurch langfristig verändern und auf eine größere soziale Sensibilität bauen können - etwa gegenüber denjenigen, die im Unterricht nicht mitkommen.


HK: Die gesellschaftlichen Bedingungen dafür, dass solche Erfahrungen nachhaltig zu Veränderungen führen, sind allerdings wohl eher ungünstig. Wenn soziale Berufe nicht sehr prestigeträchtig sind, kann dies doch kaum ohne Einfluss auf die Bewertung solcher Tätigkeiten durch die Schüler bleiben...

Kuld: In ihren Praktika merken die Schüler natürlich, dass die Arbeit, die übrigens meist von Frauen gemacht wird, nicht sehr angesehen ist und auch nicht gut bezahlt wird. Sie machen aber auch die wichtige Erfahrung, wie viel die Arbeitskräfte in diesen Einrichtungen leisten. Viele Schüler zeigen sich davon beeindruckt, mit welcher Geduld und ausdauernden Freundlichkeit jene etwa auf kranke oder alte Menschen eingehen, die ja tatsächlich sehr anstrengend sein können.


HK: Gelegentlich ist davon die Rede, junge Menschen seien vor allem auf Spaßmaximierung, Karriere und Geld aus. Ergeben sich aufgrund dieser „Werte" von Teenagern nicht erhebliche Schwierigkeiten für das Vorhaben?

Kuld: Bei den Schülern insgesamt gibt es nach unseren Beobachtungen eine Mischung aus egozentrischen und durchaus auch prosozialen Orientierungen. Geldverdienen ist ihnen gar nicht so wichtig, Spaß haben natürlich schon, dann aber eben auch Vertrauen und Familiensolidarität. Was sie hingegen überhaupt nicht wollen, ist ein Engagement in einem Verein, in der Kirche, in der Politik. Dass Lebensqualität da vorhanden ist, wo das Leben mit anderen gelingt, merken Jugendliche wiederum sehr wohl. Merkwürdigerweise steigen auf der anderen Seite durch das Compassion-Projekt aber auch die politischen Erwartungen der Schüler an die Kirchen oder den Staat. An Kontrollschulen sinkt diese Erwartungshaltung hingegen im Lauf eines Jahres weiter ab - bis zur Extremposition: Jeder muss nach sich selbst schauen. Was man Entsolidarisierung nennt, wird an dieser Stelle knallhart spürbar.


HK: In einem Entwurf der Empfehlungen des „Forum Bildung", die Anfang nächsten Jahres in Berlin beschlossen werden sollen, heißt es, dass die „gezielte Förderung von Jungen, beispielsweise in den Bereichen soziale Kompetenz und Empathie" notwendig sei. Sind männliche Schüler die eigentlichen Adressaten der Forderung nach sozialem Lernen?

Kuld: Mädchen wissen sich mutmaßlich aufgrund ihrer Sozialisationserfahrung mehr für das Soziale zuständig. Das kann man negativ sehen, weil sie beim sozialen Lernen abermals in diese Richtung gedrängt werden. Auf der anderen Seite können sie jetzt aber auch etwas zeigen, was sonst in der Schule nicht ausreichend gewürdigt wird. Jungen lernen wiederum oft zum ersten Mal, sich auf Menschen einzustellen, mit denen man gar nichts „machen" kann - wenn man etwa eine alte Frau in einem Rollstuhl in den Garten fährt. Es ist offensichtlich nicht einfach zu lernen, einmal ruhig dabeizusitzen, ohne etwas machen zu können. Gleichzeitig kann man dabei eben aber auch erfahren, wie einem das selbst Kraft gibt.


HK: Es dürfte nicht leicht sein, angesichts der ganz unterschiedlichen Erfahrungen der Schüler innerhalb des Compassion-Projekts das eigentliche Lernziel anzugeben. Was kann man überhaupt aus der Sicht des Erziehungswissenschaftlers beim sozialen Lernen lernen?

Kuld: Die Schule soll kein Verhalten trainieren, eine Konditionierung wäre ethisch und pädagogisch nicht zu vertreten. Man kann jedoch Haltungen erlernen. Das Lernziel lautet dabei im Grunde, dass jeder Mensch, der - aus welchen Gründen auch immer - Hilfe braucht, in dem Maße, wie er es braucht, als Mensch Anspruch auf Unterstützung hat. Die jungen Leute sollen im Fall des sozialen Lernens verstehen, wie jemand lebt, der ganz anders ist als sie, weil er beispielsweise körperlich behindert, alt oder noch ein Kind ist. Wichtig ist die Einsicht: Das sind Menschen, wie ich selbst einer bin.


HK: Auf welche Weise ist eine solche für jede humane Gesellschaft grundlegende Überzeugung dann am besten zu vermitteln?

Kuld: Traditionellerweise geht man sehr stark erlebnisorientiert vor. Viele erwarten eine Verbesserung des sozialen Bewusstseins, allein weil ich Schüler mit diesen Menschen in Verbindung bringe. Aus meiner Sicht genügt das im Bereich des Ethischen nicht. Jede soziale Haltung läuft letztlich über das Bewusstsein: Ich helfe einem alten Mann, obwohl es mich ekelt, wenn er sich versabbert hat – weil er als Mensch eine Würde hat und nicht zuletzt ich oder andere auch einmal in dieser Lage sein könnten. Es geht am Ende aber auch um die Frage nach Gerechtigkeit: Jeder soll das bekommen, was ihm zusteht. Wie man das miteinander aushandelt, wie man sich das ohne Gewalt erstreiten kann, muss gelernt werden. Wer auf diese Weise als Schüler die Welt als veränderbar erlebt, wird davon auch als Erwachsener profitieren. Die Politikferne vieler Menschen heute wird sich in der Jugendgeneration fortsetzen, wenn nicht die Schulen entgegensteuern.

Das Compassion-Projekt wurde von der Bund-Länder-Kommission der Kultusministerien als Modell-Versuch gefördert und von 1996-1998 von Kuld und Mitarbeitern wissenschaftlich begleitet:

Lothar Kuld und Stefan Gönnheimer, „Compassion. Sozialverpflichtetes Lernen und Handeln“ (Verlag Kohlhammer, Stuttgart 2000);

„Compassion. Weltprogramm des Christentums“, hg. von Johann Baptist Metz, Lothar Kuld und Adolf Weisbrod (Verlag Herder, Freiburg 2000)


HK: Eine solche Einsicht ist aber eben auch nicht erzwingbar...

Kuld: Nein. Wir haben ungefähr vier Prozent gewissermaßen compassion-resistente Schüler ausfindig gemacht, die das Projekt am Anfang wie am Ende ablehnen. Das hat sehr verschiedene Ursachen. Ohne psychologisieren zu wollen, gibt es unter diesen Jugendlichen viele, die selbst in sehr schwierigen Lebenssituationen sind. Umgekehrt gibt es unter Jugendlichen mit ungünstigen Lebensbedingungen aber auch solche, die vom Compassion-Projekt sehr profitiert haben. Schüler mit schweren Teilleistungsstörungen, die Förderschulen besuchen, dann in eine soziale Einrichtung gehen und dort anderen Menschen helfen können, erleben selbst, dass sie trotz ihrer Behinderungen Menschen sind, die Anspruch auf Respekt und wie jeder andere ein Recht auf Leben haben - angesichts der Euthanasiedebatte eine wichtige Einsicht.


„Die Frage, was unsere Gesellschaft zusammenhält, ist wichtiger geworden"


HK: Gibt es entwicklungspsychologisch ein bestimmtes Alter, in dem soziales Lernen besonders einfach oder besonders wichtig ist?

Kuld: Schon das Kleinkind lernt soziales Verhalten. Und die Möglichkeiten sozialen Lernens verändern sich dann natürlich von Entwicklungsstufe zu Entwicklungsstufe. Die pädagogisch wichtigste Phase ist das Jugendalter, in dem die Herauslösung aus der Familie stattfindet und die jungen Menschen von ihrer Selbstkonstruktion her sich als das fühlen, was andere ihnen spiegeln. Nach den Untersuchungen des Entwicklungspsychologen Robert Kegan sind 15-, 16-und 17-Jährige in einem Alter, in dem sie selbst ausprobieren, wie sie von anderen gesehen werden und auf andere wirken. Hilfsbereitschaft ist hier durchaus angelegt, es muss aber trainiert werden, sie auch unter Zurückstellung eigener Interessen zu leisten. Für das soziale Lernen in der Schule sind diese Jahre das fruchtbarste Zeitfenster in einem Lebenslauf. Die Sozialpraktika finden deshalb auch in den entsprechenden Klassenstufen statt.


HK: Wie kann die Sicherung des Lernerfolgs über die Begleitung der Praktika im Unterricht hinaus gewährleistet werden, so dass es nicht bei einer Episode im Leben der Schüler bleibt?

Kuld: Es stellt sich natürlich schon die Frage, was die Schule überhaupt bewirken kann. Neun Jahre Englisch-Unterricht beispielsweise müssen nicht unbedingt von dem Erfolg aktiver Sprachbeherrschung gekrönt werden. Wie die Forschung jedoch belegt, bleibt das am besten im Gedächtnis, das in verschiedenen Kontexten erinnert wird. Wenn eine soziale Erfahrung reflektiert und eingeordnet wird, wenn sie dann im Lauf eines Schuljahrs aufgegriffen wird, vergessen die Schüler diese nicht so schnell. Manchmal genügt es sogar, einmal im Leben ein bestimmtes intensives Erlebnis gehabt zu haben, damit die Erfahrung im Gedächtnis bleibt. In diesem Sinne kann ein solches Praktikum etwa durchaus die Sensibilität der späteren Wähler für die Belange der Sozialpolitik erhöhen.

HK: Der bayerische Wissenschaftsminister Hans Zehetmair hat vor dem Forum Bildung gefordert, dass die immer wichtigeren sozialen Kompetenzen auch in der Schule vermittelt werden müssten: Eine Steilvorlage für die Forderung nach sozialem Lernen?

Kuld: Man muss hellhörig sein, wenn Politiker so etwas sagen. Faktisch vollzieht sich heute - bis in die Begriffe der Pädagogik hinein - eine Ökonomisierung der Bildungseinrichtungen. In der gegenwärtigen Bildungspolitik gibt es bekanntlich ganz starke Stimmen aus der Wirtschaft, die neben einem soliden Wissen in Fremdsprachen und den Naturwissenschaften auch zunehmend soziale Kompetenzen verlangen. Sie verstehen darunter in Nuancen etwas anderes: Es geht um Team- und Konfliktfähigkeit, die Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen und seinen Arbeitsbereich selbstständig zu leiten. Man sucht im globalen Wettbewerb Mitarbeiter, die wissen, was sie zu tun haben, ohne dass man ihnen das im Einzelnen sagen muss.


„Die Chancen für soziales Lernen in den Schulen werden bisher eher zufällig genutzt"


HK: Dagegen ist doch im Grunde nicht viel einzuwenden?

Kuld: Genau die gleichen Fähigkeiten brauche ich natürlich auch im Leben mit anderen Menschen, so dass diese Forderungen durchaus ihre Berechtigung haben. Beim sozialen Lernen geht es allerdings um mehr, nämlich - mit einem Begriff von Thomas Mann - um „übernützliche" Diskurse, die durch dieses Projekt angestoßen werden und nicht verrechenbar sind. Was heißt Menschsein, wäre eine der Fragen. Es geht dabei auch um Einsprüche zu dem, wie wir wirtschaften. Der Bildungseffekt besteht darin, zum Nachdenken anzuregen, was Menschen wirklich zum Leben brauchen. Dann aber stellt sich auch die Frage: Wie gehen wir etwa mit den mehr als zwei Millionen Menschen um, deren Arbeitsplätze nach OECD-Berechnungen in den nächsten Jahren in Deutschland wegfallen, weil wir weniger ungelernte Arbeitskräfte brauchen? Das soziale Lernen ist hier eine Chance, wie man heute gesellschaftliche Prozesse besser reflektieren kann: Eben nicht ideologisch wie in den Achtundsechziger-Jahren, sondern indem die realen Lebenswelten miteinander in Verbindung gebracht werden. Letztlich handelt es sich um ein Projekt der Solidaritätsschöpfung in unserer Gesellschaft.


HK: Wie gut sind dann aber die Chancen für ein solches Anliegen angesichts der gegenwärtigen Bildungsdebatten, die die Reform der Schulbildung in Deutschland im Auge haben?

Kuld: So traurig es ist: Diese Chancen sind seit dem 11. September gewachsen. Ein Part über das soziale Lernen war in den Empfehlungen des „Forum Bildung" bisher eher weiter hinten gestanden. Wichtig war die Frühförderung von Kindern, der Fremdsprachenerwerb in der Grundschule, die Bedeutung der Neuen Medien. Das alles ist natürlich wichtig. Aber durch die Erfahrungen der vergangenen Wochen ist auch die Frage wichtiger geworden, was unsere Gesellschaft zusammenhält. Wie können wir Kommunikation und Kooperationsbereitschaft zwischen Menschen, die sich eigentlich fremd sind, fördern? Pädagogisch heißt dies, sozial zu lernen.


HK: Wenn man sich denn nun dafür entscheiden würde, dem sozialen Lernen einen höheren Stellenwert einzuräumen: In welchen Unterrichtsfächern ist das soziale Lernen, von den praktischen Erfahrungen einmal abgesehen, am besten aufgehoben?

Kuld: Meiner Meinung nach braucht man dafür jedenfalls kein neues Unterrichtsfach. Ein Religions-, Sozial- oder Deutschunterricht, in dem man postulierend über Mitmenschlichkeit spricht, reicht freilich auf der anderen Seite auch nicht aus. Solcher Unterricht ist mehr oder weniger folgenlos. Es geht letzten Endes um die Reflexion sozialer Erfahrungen, für die es in jedem Fach Anknüpfungspunkte gibt,

HK: Können Sie dafür ein Beispiel geben? Im Fall des Fachs Mathematik dürfte dies nicht sehr leicht sein...

Kuld: Selbst wenn ich in Mathematik statistische Daten berechne, stellt sich die Frage, was ich mit diesen anfange. Auch andere Fächer, von denen man es zunächst gar nicht vermutet, sind Fächer genuin sozialen Lernens. So etwa das Fach Musik. Im Land Berlin gab es innerhalb eines Versuchs Grundschulen, an denen jedes Kind ein Instrument lernen musste. Der Untersuchungshypothese nach sollten diese Kinder dadurch in ihren kognitiven und sprachlichen Fähigkeiten gefördert werden. Diese Erwartung wurde falsifiziert. Jedoch hat sich bei den Kindern im Vergleich mit anderen Grundschülern die soziale Einstellung signifikant verstärkt. Verkürzt gesagt: Wenn ich mit anderen musiziere, muss ich mich anstrengen, auf die anderen zu achten, ich darf sie nicht warten lassen; zugleich muss ich schauen, dass auch die anderen mitkommen. Ein solches Beispiel zeigt: Mehr Schulforschung ist notwendig, um die Räume zu entdecken, an denen soziales Lernen bisher unausgesprochen stattfindet. Das soziale Lernen ist weiterhin ein weithin unentdecktes Feld.

HK: Welche anderen Möglichkeiten für soziales Lernen gibt es in der Schule über den Unterricht hinaus, wenn man an die Veränderungen der Schulorganisation denkt, die in den einzelnen Bundesländern bereits greifen, geplant sind oder zumindest diskutiert werden?

Kuld: Die Schule selbst ist natürlich ein Raum sozialen Lernens. Nicht umsonst wird die Schule auch als „Haus des Lernens" bezeichnet. Die Chancen für soziales Lernen in den Schulen werden bisher jedoch eher zufällig genutzt - wenn eben Lehrer dafür sensibel sind. Demnächst kommt die der TIMMS-Studie vergleichbare PISA-Studie heraus, in der die Lernerfolge der Schüler in unterschiedlichen Ländern verglichen werden. Nach der TIMMS-Studie hat man sich getröstet, deutsche Schüler seien zwar in Mathematik und in den Naturwissenschaften nicht so gut wie gedacht, hinsichtlich ihrer Sozialkompetenz aber erfolgreicher. Der neuen Studie nach schneiden wir jedoch auch in diesem Punkt nicht besser ab. Die Länder, die Ganztagsschulen haben, erzielen in allem die höheren Werte. Selbst die von der CDU regierten Bundesländer wollen deshalb in Zukunft verstärkt Ganztagsschulen anbieten, wie sie inzwischen signalisieren. Das war früher ideologisch behaftet: Man wolle Jugendliche indoktrinieren oder lediglich die Golf spielende Zahnarztgattin entlasten, hieß es. Schulen brauchen jedoch schlicht mehr Zeiträume für ihre Aufgaben.

HK: Mehr Zeit in der Schule bedeutet weniger Freizeit für die Schüler. Geht ein solches Konzept damit nicht auf ihre Kosten?

Kuld: Die Schüler müssen in der Ganztagsschule nicht mehr pauken. Viele Kinder und Jugendliche, vor allem aus sozial schwächeren Schichten, sind nachmittags auf sich gestellt und haben keine Anleitung beim Lernen: Sie müssen sich zwischen dem Gesetz der Straße und der Einsamkeit entscheiden. Ich kenne Schulen, die angefangen haben, nach dem Ende des Unterrichts weitere Angebote zu machen, weil die Jugendlichen am Nachmittag wieder auf den Schulhof kommen - weil sie gar nicht wissen, wo sie sonst hingehen sollen.

HK: Die Forderung nach Ganztagsschulen bedeutet einen weit reichenden Eingriff in die Tradition des bundesdeutschen Schulsystems. Was müsste weiter geschehen, damit soziales Lernen einen hinreichenden Platz im Schulalltag bekommt?

Kuld: Neben der Forderung nach Ganztagseinrichtungen bis zur Mittelstufe der weiterführenden Schulen sind das Wichtigste die Lehrer, die dafür eigens fort- und weitergebildet werden müssen. Da wird auch einiges bereits getan. Die gegenwärtigen Anstrengungen der Bildungspolitik, junge Menschen für die Neuen Medien und die Anforderungen der Wirtschaft fit zu machen, bis hin zu einem eigenen Fach Wirtschart, werden aus meiner Sicht in den nächsten Jahren sehr rasch Erfolg haben. Was bleiben wird, ist die Frage, wie wir mit den Menschen in unserer Gesellschaft umgehen, die aus welchen Gründen auch immer nicht mitkommen. Die Beantwortung dieser Frage wird über den Zusammenhalt der Gesellschaft mitentscheiden. Deshalb wird das soziale Lernen eine der großen pädagogischen Fragen sein, die bleiben und immer wichtiger werden wird - und die Schulen werden diese auch verstärkt aufgreifen. Wenn schließlich auch alle in der Wirtschaft einsehen, dass sie langfristig besser fahren, wenn sie sozial kompetente und keine egozentrischen Mitarbeiter haben und soziales Lernen nicht nur eine Marotte von religiös Angehauchten oder Spät-Achtundsechzigern ist, hat es eine Chance.