Schulstiftung der Erzdiözese Freiburg
Kirchliche Stiftung des öffentlichen Rechts
Compassion

Lernfach Mitleidenschaft

Badische Zeitung; 11. März 1999

Lernfach "Mitleidenschaft"

Das Modellprojekt "Compassion" soll auch in staatlichen Schulen selbstverständlich werden

Positive ethische und soziale Haltungen können erlernt werden. Das ist die Grundannahme eines Schulprojektes sozialen Lernens, das unter dem Begriff "Compassion" in den vergangenen Jahren an den Schulen der Schulstiftung der Erzdiözese Freiburg eingeführt wurde. Bei der Vorstellung der wissenschaftlichen Auswertung dieses Modellprojekts in der Freiburger Universität sprachen sich Vertreter der staatlichen Schulbehörden dafür aus, diese neue Form von Sozialpraktika auch im öffentlichen Schulwesen einzuführen.
"Die einzigen, die wirklich behindert sind, sind wir, denn wir haben eine Schranke in unserem Kopf, während die Behinderten uns gegenüber völlig offen sind." Sandra, Elftklässlerin am Freiburger St. Ursula- Gymnasium, faßt so ihre Erfahrungen zusammen, die sie während ihres zweiwöchigen Praktikums im Rahmen des Compassion- Projekts an der Schule für Körperbehinderte in Wasser gemacht hat. Für Lothar Kuld, der als Professor der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe die wissenschaftliche Überprüfung dieses Modellprojektes geleitet hat, belegen Aussagen wie diese die These, daß "das Erlebnis von sozialen Realsituationen zu einer sozialverpflichteten Veränderung individueller Haltungen und Einstellungen" führt. Voraussetzung dafür allerdings sei, daß das entsprechende Praktikum "fächerübergreifend und inhaltlich verknüpft" vor- und nachbereitet werde. Nur so können die Erlebnisse der Schüler zu einer Entwicklung und Stärkung sozialer Haltung beitragen. Und das ist es, was Compassion bedeutet: Die Fähigkeit des "Mitleids, der ,Mitleidenschaft', der Solidarität mit denen, die in unserer Gesellschaft aus eigenen Kräften nicht mitkommen," so Lothar Kuld. Auch wenn der Begriff aus einer christlich- jüdischen Tradition komme, besitzt er dennoch für den Pädagogikprofessor eine deutlich politische Dimension. Schließlich bedrohe ein wachsendes "sozialmoralisches Defizit" längerfristig die ,,Voraussetzungen zwischenmenschlichen Zusammenlebens".

Zusammen mit seinem Kollegen Stefan Gönnheimer hat Kuld im letzten Schuljahr 300 Schüler befragt, die an einer der 24 kirchlichen und drei staatlichen Schulen, die an diesem Projekt teilnehmen, mit Compassion in Berührung kamen. 150 Schüler ohne diese Erfahrung wurden als Kontrollgruppe ausgewählt: Die Ergebnisse der Studie stützen das Konzept dieser Art sozialen Lernens: Das Praktikum in einem Krankenhaus, einem Kindergarten, einem Flüchtlingswohnheim oder in einer anderen sozialen Einrichtung und die Aufarbeitung dieser Erfahrungen im Unterricht haben sich in deutlichen Veränderungen der Haltungen niedergeschlagen.

So sprachen sich am Ende des Projekts 30 Prozent der Jungen und Mädchen für die Einführung eines sozialen Pflichtjahrs aus. Zu Beginn des Schuljahrs hatten 23 Prozent der Mädchen und 14 Prozent der Jungen eine solche Idee vertreten.
Mit "Genugtuung" betrachtet Adolf Weisbrod, Direktor der Schulstiftung, die Entwicklung dieses Projekts, das er 1992 in der Arbeitsgruppe "Innovation" der Zentralstelle Bildung der Deutschen Bischofskonferenz selbst mit angestoßen hat. Auch Peter Munk, als Vertreter des Bundesbildungsministeriums mitverantwortlich für die Förderung dieses Modellprojekts, ist mit der Zielrichtung von Compassion einverstanden. Aufgabe auch staatlicher Bildungspolitik müsse es sein, "soziales Lernen, zu einem festen Bestandteil schulischer Ausbildung" zu machen. Sein Kollege Klaus Happold vom Stuttgarter Kultusministerium will in einer Arbeitsgruppe seiner Behörde prüfen, wie die Erkenntnisse des Compassion- Projekts flächendeckend angewendet werden können.
An den Schulen der Schulstiftung der Erzdiözese wird Compassion jedenfalls weiter laufen. Adolf Weisbrod möchte darauf hinarbeiten, daß künftig in jedem Schulvertrag die Teilnahme an einem sozialen Praktikum festgeschrieben wird. Auch die beiden Karlsruher Pädagogen halten das Konzept mit Blick auf staatliche Schulen für "völlig übertragbar". Einzig die Frage der theologischen Dimension müsse da ausgeblendet werden. Doch das komme ja auch der ,,Pluralität des Schulsystems" entgegen.

Andreas Baumer

Badische Zeitung; 11. März 1999