
Kirchliche Stiftung des öffentlichen Rechts
27.04.2012
04.05.2012
Empfindlich für das Leid ...
Badische Zeitung: 11. März 1999
Empfindlich für das Leid der anderen
Wenn das Christentum weltweit für die Menschen bedeutsam sein will, wenn der christliche Gott der Gott aller Menschen sein können soll, dann gibt es nur einen Weg zu diesem Ziel - und der heißt "Compassion", also gesteigerte Empfindlichkeit für fremdes Leid. Für einen der letzten bedeutenden deutschen Theologen ist dieser Begriff geradezu das Schlüsselwort des Christentums. Und das macht Johann Baptist Metz auch bei der Vorstellung eines Schulprojekts namens "Compassion" (... ) in Freiburg noch einmal sehr deutlich.
Ausgehend von der Frage, ob heute eigentlich alles der Beliebigkeit des postmodernen Marktes ausgesetzt sein muß, oder ob es doch so etwas wie eine universale Verbindlichkeit gibt, kommt der Fundamentaltheologe zu dem Schluß: "Gott ist entweder ein Menschheitsthema - oder er ist überhaupt kein Thema." Universal, also für jeden Menschen bedeutsam, könne eine Rede von Gott jedoch nur sein, wenn sie "in ihrem Kern eine leidempfindliche Gottesrede ist". Parallel dazu sieht er in den biblischen Traditionen eine weitere unverzichtbare Voraussetzung für ein Weltprogramm des Christentums angelegt: die universelle Verantwortung - die sich allerdings nicht an der Sünde, sondern am Leid, am fremden Leid, ausrichtet. Anders ausgedrückt: "Jesu erster Blick galt nicht der Sünde der anderen, sondern dem Leid der anderen."
Diese Empfindlichkeit für das Leid der anderen, sagt Johann Baptist Metz, kennzeichnet Jesu "neue Art zu leben". Und sie hat Folgen: "Wer Gott im Sinne Jesu sagt, nimmt die Verletzung der vorgefaßten religiösen Gewißheiten durch das Unglück der anderen in Kauf." Allerdings, beklagt der Theologe, habe sich das Christentum schon früh aus einer leidempfindlichen in eine sündenempfindliche Religion verwandelt, aus der Frage nach dem Leid eine Frage nach der Erlösung gemacht und damit die Autorität Gottes von der Autorität der Leidenden getrennt. "Nur in ihr aber kann sich Gottes Universalismus erweisen."
Also ruft Johann Baptist Metz die Compassion als Wesensmerkmal des Christentums neu in Erinnerung. Diese Leidempfindlichkeit ist in seinen Augen "die biblische Mitgift für den europäischen Geist", wie die theoretische Neugier die griechische und das Rechtsdenken die römische Mitgift für Europa sind. Wobei in diesem Schlüsselwort für das Weltprogramm des Christentums auch immer das Eingedenken vergangener Leiden mitschwingt - und damit der Protest gegen die Vergeßlichkeit der modernen Freiheit. "Jesus lehrt nicht eine Mystik der geschlossenen Augen, sondern eine Mystik der offenen Augen." Der Fundamentaltheologe, der nach vielen Jahren in Münster nun in Wien lehrt, nennt das "eine elementare Hinsehverpflichtung". "Und dieses Hinsehen verstrickt uns in das Gesehene."
In Anlehnung an Dostojewski ("Jeder ist an allem schuld") heißt Compassion für Johann Baptist Metz darum kurz gesagt: "Es gibt kein Leid, das uns nichts angeht."
Gerhard M. Kirk
Badische Zeitung; 11. März 1999