
Kirchliche Stiftung des öffentlichen Rechts
27.04.2012
04.05.2012
Heilsame Zumutung
DEUTSCHES ALLGEMEINES SONNTAGSBLATT - NR. 25 - 23. JUNI 2000
Heilsame Zumutung
Lässt sich Mitmenschlichkeit erlernen? Katholische Schulen unternehmen jedenfalls den Versuch: In Sozialpraktika und Unterricht geht es um den Erwerb sozialer Fähigkeiten
Die katholische Kirche hat ein neues Schulprojekt erfunden. Es trägt den englischen Namen Compassion, ist für Schüler gewöhnungsbedürftig, aber sehr folgenreich.
"Es ist einfach nur unangenehm: Da fütterst du einen Menschen, und der spuckt alles wieder aus." Ulrich, 17-jähriger Gymnasiast aus dem katholischen Aloisius-Kolleg in Bonn, hat einiges erlebt. Ein paar Wochen lang kümmerte er sich in einer Sonderschule um geistig schwer behinderte Altersgenossen. Es dauerte seine Zeit, bis er mit der ungewohnten Situation zurechtkam: ,,Irgendwann hatte ich begriffen, wie ich mit diesen Menschen umgehen kann, wie ich anfasse und wo es ihnen weh tut, wenn sie schreien."
Nun ist manches anders: Ulrich wird nicht mehr verlegen, wenn ihm geistig oder körperlich behinderte Menschen begegnen. Es ist so etwas wie eine entspannte Neugier entstanden, ein unkomplizierter Umgang möglich geworden. Ihre Nähe würde er nie und nimmer als Beeinträchtigung seiner Lebensqualität sehen. Über jene viel zitierten Bundesbürger, die wegen entgangener Urlaubsfreude auf Schadensersatz klagten, weil ihnen im Hotel behinderte Mitmenschen zu Gesicht kamen, schüttelt er nur den Kopf.
Für Tobias hieß Schule fünf Wochen lang Praktikum in einem Seniorenheim und Umgang mit senilen alten Menschen. Schwer war es für ihn, ,,Leute zu sehen, die überhaupt nicht mehr wussten, dass andere Menschen da waren. Trotzdem musste ich ihnen Essen anreichen, aber sie registrierten überhaupt nicht, dass sie essen sollten. Als sehr kompliziert hat Tobias den Umgang mit diesen Leuten in Erinnerung.
Für einen Klassenkameraden hingegen sind nicht die Hilfsbedürftigen das Problem, sondern deren Familien und Freunde.. Anselm jedenfalls hat beobachtet, ,,dass einige Angehörige nur selten zu Besuch kommen. Sie haben ihre Verwandten regelrecht abgeschoben. Schlimm, ganz schlimm." Der Schüler fand bestätigt: ,,Viele in der Gesellschaft sehen alte Leute als lästig an und halten sie für überflüssig."
"Da wird den Schülern viel abverlangt."
Seit Jahren gehört am Bonner Aloisius-Kolleg ein fünfwöchiges Sozialpraktikum zum verpflichtenden Lehrplan der elften Jahrgangsstufe. Natürlich kann man Siebzehnjährige nicht unvorbereitet in solch extreme Lernorte schicken, wissen die Pädagogen. ,,Wir gehen ihnen eine Reihe Hilfestellungen", sagt Peter Wichterich, der an dem Jungen-Gymnasium Erdkunde und Sport unterrichtet und für die Organisation des Sozialpraktikums zuständig ist. Vor dessen Beginn steht zum Beispiel eine Gesprächsrunde mit den Teilnehmern des Praktikums im Vorjahr. "Das baut die Ängste ab", meint Wichterich. Und Ängste gibt es viele, "weil die Schüler ja nicht wissen, was auf sie zukommt."
"Wir muten den Jugendlichen einiges zu," sagt auch Eckhardt Nordhofen. "Altenpflege, das hört sich ja ganz nett an. Aber alte Leute zu waschen, auch im Intimbereich, daran ist ein normaler Jugendlicher überhaupt nicht gewöhnt. Aber genau das wird ihnen möglicherweise abverlangt."
Nordhofen ist Leiter der Zentralstelle Bildung der katholischen Deutschen Bischofskonferenz. Hier wurde das "Praxis- und Unterrichtsprojekt sozialen Lernens" entwickelt, an dem bisher fünfzig katholische Schulen, nicht nur Gymnasien, teilnehmen: Alle Schülerinnen und Schüler der Klasse 9,10 oder 11 helfen für drei bis fünf Wochen in Altenheimen, Krankenhäusern, Behinderten-Einrichtungen, Heimen für Obdachlose und Flüchtlinge oder in sozialen Brennpunkten der Jugendarbeit mit.
,,Im Mittelpunkt sollte die Begegnung mit Menschen stehen", heißt es etwas summarisch in der bischöflichen Projektbeschreibung. Die Jugendlichen, so die Absprachen mit den Trägern der Sozialeinrichtungen, helfen nicht bei Bürodiensten oder Reinigungsarbeiten aus. Nicht Zuschauen, sondern Zugehen auf Menschen im sozialen Abseits, heißt die Devise.
Das Pilotprojekt, das seinen Ausgang an katholischen Schulen im Erzbistum Freiburg nahm und vom Bundesbildungsministerium gefördert wird, trägt den Titel "Compassion". Die Wahl fiel auf dieses englische Wort, um möglichen Missverständnissen des deutschen Wortes ,,Mitleid" zu entgehen. Die Verantwortlichen sprechen lieber von Mit-Leiden, Mit-Empfinden, Mit-Menschlichkeit. Genauer gesagt: Es geht ihnen um das Entwickeln von sozialer Sensibilität, es geht um die Einsicht, dass eine Gesellschaft nur human bleibt, wenn der Einzelne soziale Verantwortung übernimmt, die Sorge für den Mitmenschen nicht auf den Staat oder anonymer Wohlfahrtsorganisationen abschiebt.
Und diesem Ziel werden die Sozialpraktika und der einschlägige Schulunterricht tatsächlich mehrheitlich gerecht. Durch sie wächst ,,die Bereitschaft, selber zu überlegen, was kann ich denn tun", stellt Professor Lothar Kuld fest. Der Religionspädagoge an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe hat das Pilotprojekt über zwei Jahre wissenschaftlich begleitet und ausgewertet. Ausdrücklich hebt er die soziale Lernphase an den katholischen Schulen ab von den in den gymnasialen Oberstufen sonst üblichen Berufspraktika, die Einblicke in Arbeitsabläufe von Betrieben und Behörden vermitteln sollen und der Berufsfindung der Schülerinnen und Schüler dienen. Doch mit Berufsmöglichkeiten vertraut zu machen, das ist nicht das primäre Ziel von ,,Compassion".
Für soziale Tätigkeitsfelder Nachwuchs zu rekrutieren steht also keineswegs im Vordergrund. Andererseits lässt sich beobachten, dass die jungen Menschen durch diese Praktika ganze Berufsbereiche für sich entdecken. Gleichwohl pocht Gabriele Hüttenmeister, die Lehrerin, die am Franziskus-Gymnasiom in Olpe für das Projekt zuständig ist, darauf: Das eigentliche Ziel für die Schüler ist, ,,dass sie Haltungen verändern und entwickeln". Es bedeute in erster Linie, ,,dass sie Menschen in Not überhaupt erst einmal wahrnehmen, dass sie Achtung und Respekt vor Menschen bekommen, die auf den ersten Blick deformiert oder minderbemittelt erscheinen. Sie lernen, dass jeder Einzelne zur Mithilfe aufgefordert ist und auch helfen kann." Selbst wenn die Mitarbeit am Anfang Überwindung kostet.
"Letzten Endes kommt man doch schnell in diesen Alltag rein", erzählt Benjamin vom Olper Franziskus-Gymnasium. Er war in einem Altenpflegeheim. ,,Bald hat es sehr viel Spaß gemacht. Ich kannte die alten Leute sehr viel besser, wusste ungefähr, wie sie reagieren. Und einige habe ich richtig ins Herz geschlossen." Seine Schulkameradin Vanessa meint zum Praktikum an einer Lernbehinderten-Schule: ,,Ich dachte erst, es würde mir unheimlich schwer fallen, mit denen umzugehen. Aber nach einer Woche habe ich gar nicht mehr daran gedacht, dass die Kinder eine Behinderung haben." Andere, die sich in einer Schule für geistig behinderte Kinder nützlich machten, bestätigen: ,,Die waren wie normale Menschen, lustig und voll Lebensfreude. Und wenn die Schüler morgens kamen, wurden sie begrüßt und umarmt."
Auch Silke möchte die Erfahrung in einer Behinderten-Einrichtung nicht missen: ,,Ich habe die ganze Zeit genossen und viel gelernt. Ich wäre auch noch länger geblieben. Und als wir das Praktikum beendet hatten, bin ich noch drei-, viermal, wenn wir frei in der Schule hatten, da rüber gefahren."
Praktika mit Folge. Der Karlsruher Religionspädagoge Lothar Kuld kann statistisch nachweisen: Zwischen fünf und zehn Prozent der Schülerinnen und Schüler setzen ihr Engagement in der besuchten Einrichtung über das Praktikum hinaus in ihrer Freizeit fort und etwa 40 Prozent formulieren wenigstens die Absicht dazu. Das ist umso bemerkenswerter, als die jungen Leite keineswegs "mit fliegenden Fahnen" in ihr So-zialpraktikum gehen. Am Anfang herrscht allgemein eine "wohlwollende Distanz", doch am Ende die erstrebte ,,wohlwollende Akzeptanz". Lediglich vier Prozent der Praktikanten konnten mit ihren Erfahrungen überhaupt nichts anfangen.
Alles religiöse Überzeugungstäter? Das nicht. "Schülerinnen und Schüler", so Lothar Kuld, handeln nicht aus irgendwelchen religiösen oder politischen Motiven, wie das vielleicht noch in den 68er Zeiten war, sondern weil es Spaß macht, wie sie sagen. Sie merken: Das Helfen bringt ihnen persönlich einen Zugewinn an Leben."
Und nicht nur das. Die Erfahrung, dass Hilfe auch einen persönlichen Gewinn bringt, macht ,,die meisten Schüler deutlich selbstbewusster". Da ist sich jedenfalls die Olper Lehrerin Gabriele Hüttenmeister ganz sicher. "Es gibt natürlich erst mal Abscheu und Ekel. Doch der Eindruck, ich habe es trotzdem geschafft, macht sie sehr sicher, so dass sie den Lehrern gegenüber auch oft entschiedener und ihre Position stärker verteidigen, und das finde ich sehr positiv."
Auch diesen Zusammenhang kann Lothar Kuld aus der Schülerbefragung generalisieren: "Compassion stärkt das Selbstbewusstsein der jungen Menschen: Ich kann etwas, von dem ich zuvor nie gedacht hätte, dass ich es kann: Das sagen viele Schüler. Verweigerung gegenüber anderen Menschen hingegen gilt vielen als Zeichen von Schwäche.
Das Projekt Compassion hat eine Wirkung entfaltetet, die die Verantwortlichen überraschte. Im Unterschied zu Berufspraktika anderer Schulen sind diese weitgehend in den Unterricht integriert. "Das Projekt", so heißt es in der offiziellen Beschreibung der Bischofskonferenz, "ist eingebettet in den Fach- und fächerverbindenden Unterricht."
Das war zunächst eher eine Wunschvorstellung gewesen. Natürlich fühlten sich Religionslehrer bemüßigt, die ethischen Fragen sozialer Verantwortung zu thematisieren. Auch für Sozialkunde und Politikunterricht liegen Zusammenhänge auf der Hand. Die thematische Integration in den Fächerkanon der Schulen kam erst nach und nach, nicht zuletzt auch durch das Drängen und Nachfragen der Schüler zu den Themen Sozialstaat und soziale Sicherungssysteme, aber auch zu den sehr grundsätzlichen Fragen: Was heißt Behinderung", was "Menschsein".
Da sahen sich nach den Sozialpraktika manche Fachlehrer von den Schülerinnen und Schülern vor sehr weit reichende Fragen gestellt.
Und auch dies findet Gabriele Hüttenmeister vorn Franziskus-Gymnasium in Olpe beachtlich: ,,Man sieht die Welt auf einmal aus einem neuen Blickwinkel: der Opferperspektive." Nicht der schlechteste Nebeneffekt des Projektes: Die Lernphase in Mitmenschlichkeit und sozialer Verantwortung, erprobt an Menschen mit Schwächen wird zu einer präventiven Strategie gegen Gewalt.
Die Jungen und Mädchen bekommen durch ihr Engagement ein Gespür dafür, ,,wie Schüler in einer Klasse miteinander umgehen, wie Lehrer hinschauen oder wegschauen, auch wie das Kollegium sich in Konflikten verhält", stellt Professor Kuld fest. Wo findet bei uns Compassion statt, fragen sich die Schüler selbst im Schulalltag. Der Religionspädagoge ist überzeugt, ,,dass sich diese Schulen langfristig verändern hin zu einer Kultur der Kooperation und Solidarität".
Wolfgang Schule, Direktor des Bonner Aloisius-Kollegs, will sich diese positive Erkenntnis aus dem Compassion-Projekt für sein Gymnasium unmittelbar zunutze machen. Er plant, ,,diejenigen, die ihre Erfahrungen im Sozialpraktikum gemacht haben", als Streitschlichter bei den jüngeren Schülern einzusetzen.
Hajo Goertz