Schulstiftung der Erzdiözese Freiburg
Kirchliche Stiftung des öffentlichen Rechts
Compassion

Wer Leid wahrnimmt, ...

DEUTSCHES ALLGEMEINES SONNTAGSBLATT - NR. 25 - 23. JUNI 2000

Wer Leid wahrnimmt, wird friedensfähig

Warum für Johann Baptist Metz, den Begründer der Politischen Theologie, "Compassion" so wichtig ist

Johann Baptist Metz

Er gilt als Vater der Politischen Theologie und Kenner der Befreiungstheologie: der katholische Theologieprofessor Johann Baptist Metz (Münster). Nun macht er als einer der theologischen Vordenker der Compassion von sich reden. Unter diesen Begriff stellt Metz den Beitrag des Christentums zu einer internationalen sittlichen Ordnung, einem Weltethos, ähnlich dem, für das sich der Tübinger Theologe Hans Küng einsetzt.

Es gibt viele Anknüpfungspunkte und Gemeinsamkeiten zwischen einem solchen Weltethos und den Zielvorstellungen des gleichnamigen Schulprojekts der Bischofskonferenz. Wir dokumentieren Auszüge aus einem Buch von Metz, das sich unter anderem mit der wissenschaftlichen Auswertung dieses Projekts befasst (Johann Baptist Metz. Lothar Kuld, Adolf Weisbrod (Hrsg.): Compassion. Weltprogramm des Christentums. Soziale Verantwortung lernen; Verlag Herder, Freiburg. 168 Seiten, 24,00 Mark).


Jesu erster Blick galt nicht der Sünde der anderen, sondern dein Leid der anderen. Die Sünde war ihm vor allem Verweigerung der Teilnahme am Leid der anderen, war ihm Weigerung, über den Horizont der eigenen Leidensgeschichte hinauszudenken ...
Immer wieder habe ich versucht, ein überzeugendes deutsches Wort für die elementare Leidempfindlichkeit der christlichen Botschaft zu finden. "Mitleid" verweist zu sein in die reine Gefühlswelt, klingt allemal privatisierend, und auch das Fremdwort "Empathie" klingt mir zu unpolitisch und zu unsozial. So bleibe ich bei dem Wort, mit dem ich bei nicht deutschsprachigen Zuhörern weniger Schwierigkeiten hatte, bei "Compassion".

Diese gerechtigkeitssuchende Compassion ist das Schlüsselwort für das Weltprogramm des Christentums im Zeitalter der Globalisierung. Sie ist in meinen Augen die biblische Mitgift für den europäischen Geist, so wie die theoretische Neugierde die griechische Mitgift und das Rechtsdenken die römische Mitgift für Europa ist ...
Ich will kurz die weltweite, auf die Situation der Menschheit im Ganzen zielende Bedeutung dieser Compassion verfolgen. Diese Compassion schickt uns nämlich an die Front der politischen, der sozialen und kulturellen Konflikte in der heutigen Welt.
Fremdes Leid wahrzunehmen und zur Sprache zu bringen ist die unbedingte Voraussetzung aller künftigen Friedenspolitik, aller neuen Formen sozialer Solidarität angesichts des eskalierenden Risses zwischen Arm und Reich und aller verheißungsvollen Verständigung der Kultur- und Religionswelten.
Was wäre im ehemaligen Jugoslawien geschehen, wenn die dortigen Ethnien, ob christlich oder muslimisch geprägt, nach diesem Imperativ der Compassion gehandelt hätten? Wenn sie sich also nicht nur der eigenen Leiden, sondern auch der Leiden der anderen, der Leiden ihrer bisherigen Feinde erinnert hätten? Wie viel unsägliches Leid wäre vermieden worden? Was wäre mit den Bürgerkriegen in Nordirland oder im Libanon, wenn Christen nicht immer wieder - wie eben auch im Gang durch die Jahrhunderte - diese Compassion verraten hätten?

Die Autorität der Leidenden anerkennen


Compassion wäre die biblische Mitgift für ein sittliches Weltprogramm in diesem Zeitalter der Globalisierung. Nun ist in den gegenwärtigen Versuchen, ein globales Ethos zu formulieren, häufig von einem sittlichen Universalismus die Rede, der auf der Basis eines so genannten Minimalkonsenses zwischen den Religionen und Kulturen angestrebt wird. Doch sittlicher Universalismus ist kein Konsensprodukt. Er wurzelt vielmehr in der unbedingten Anerkennung einer Autorität, die freilich auch in den großen Religionen und Kulturen der Menschheit angerufen werden kann: in der Anerkennung der Autorität der Leidenden ...

Die Autorität der Leidenden, der dieser Gehorsam gilt, ist auch für die Kirche unhintergehbar. Und so kann dieser Gehorsam gerade auch zur Kritik am konkreten kirchlichen Verhalten werden. Hat etwa die Gottesverkündigung der Kirche nicht zu sehr vergessen, dass sich die Gottesrede der biblischen Traditionen im Eingedenken fremden Leids buchstabiert, dass also das dogmatische Gottesgedächtnis nicht vom himmelschreienden Leidensgedächtnis der Menschen abgesprengt werden darf? Ist die "Gotteskrise", die im Hintergrund der heute viel besprochenen Kirchenkrise stellt, nicht auch durch eine kirchliche Praxis mitverursacht, in der Gott mit dem Rücken zur Leidensgeschichte der Menschen verkündet wurde und verkündet wird? . . .
Für mich ist die Autorität der Leidenden die einzige, in der sich die Autorität eines richtenden Gottes in der Welt für alle Menschen manifestieren kann. Im Gehorsam ihr gegenüber konstituiert sich das moralische Gewissen. Was wir die Stimme dieses Gewissens nennen, ist unsere Reaktion auf die Heimsuchung durch fremdes Leid . . .

Gibt es für ein Christentum der Compassion, der gesteigerten Empfindlichkeit für fremdes Leid, überhaupt offene Uhren unter uns? Und wie stellt es gerade um die jungen Menschen und ihr Verhältnis zu dieser Compassion? Ich kann da schließlich - inzwischen ermutigt durch das "Freiburger Experiment zur Compassion" - nur mit einer Gegenfrage antworten:
Wem sollte man diese primäre Provokation der Botschaft Jesu und das Übertreibende an ihr zutrauen können? Wem sollte man die abenteuerliche Vorstellung zumuten können, für andere da zu sein, ehe man überhaupt etwas von ihnen hat? Wem könnte man die angebotene "andere Art zu leben" überhaupt anbieten? Wem, wenn nicht gerade jungen Menschen?

Johann Baptist Metz