
Kirchliche Stiftung des öffentlichen Rechts
27.04.2012
04.05.2012
Klassenziel Mitmenschlichkeit
aus: Konradsblatt; April 1999
Klassenziel Mitmenschlichkeit
Seit sechs Jahren gibt es an katholischen Schulen das Modellprojekt "COMPASSION", was soviel heißt wie Mitmenschlichkeit. Schülerinnen und Schüler verbringen zwei Wochen in einer sozialen Einrichtung, anschließend wird das Praktikum im Unterricht aufgegriffen. Ein erfolgreiches Konzept, wie jetzt eine wissenschaftliche Studie zeigt.
" Überlegt euch, wie sich katholische Schulen heute profilieren können." An diesen Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz kann sich der Direktor der Erzbischöflichen Schulstiftung, Adolf Weisbrod, noch gut erinnern. Im Sommer 1992 ging die Arbeitsgruppe "Innovation" ans Werk.
Zusammen mit dem Direktor des Heidelberger St. - Raphael - Gymnasiums, Franz Kuhn, und Friedrich Hirsch vom Oberschulamt Karlsruhe, verfaßte Weisbrod ein Schulprojekt für soziales Lernen -"Compassion".
Der Name ist Programm: "Compassion" bedeutet soviel wie Mitmenschlichkeit. Ein zweiwöchiges Pflichtpraktikum in einer sozialen Einrichtung soll die "soziale Sensibilität" von Schülerinnen und Schülern fördern. Ein Weg, den schon zehn kirchliche Schulen in Deutschland verfolgen. Neu bei "Compassion" ist jedoch die Verbindung von Theorie und Praxis, von Sozialpraktikum und Unterricht.
Profil für Konfessionsschulen
"Die Lehrer sollen das behandeln, was im Lehrplan steht", sagt der Direktor der Schulstiftung der Erzdiözese, Adolf Weisbrod. "Und in diesen Stoffplan sollen sie die Erfahrungen des Praktikums einbringen." Dazu gehört die Vorbereitung für den vierzehntägigen Einsatz wie die abschließende Auswertung.
Das klingt einleuchtend, wenn man an Fächer wie Religion und Gesellschaftskunde denkt. Wie bewerkstelligt das aber ein Mathelehrer? "Der kann ausrechnen, was die Schüler später an Rente kriegen", lacht Waltraud Lahres, die das Compassion-Projekt im Mannheimer Ursulinengymnasium koordiniert. Sie selbst behandelt das Thema in ihren Deutschstunden. in Erdkunde, ihrem zweiten Fach, ist das schon schwieriger. Compassion öffnet die Schule für Lebenswegen, die nicht im Lehrplan stehen. Leben pur statt bloßer Stoffvermittlung.
Ein Unternehmen, das nicht nur den Kopf, sondern auch die Gefühlswelt beansprucht. "Am Anfang hatte ich Angst, daß Ich etwas falsch machen oder jemanden seelisch verletzen könnte", berichtet Schülerin Nicole, die in einem Behindertenwohnheim war. "Doch meine Angst ist schnell verflogen, da ich nette und hilfsbereite Betreuer hatte. Mir ist bewußt geworden, daß behinderte Menschen genauso Hilfe und Trost brauchen wie Menschen ohne Behinderung auch." Jenny hat erfahren, "daß Behinderte auch ihr eigenes, selbständiges Leben führen möchten, soweit es ihnen möglich ist".
"Es war für mich völlig neu und ungewohnt, den alten Menschen beim Waschen und Ankleiden zu helfen. Ich war mir nicht sicher, ob ich das könnte", erzählt Merle von ihrer Arbeit im Alten- und Pflegeheim. "Aber dann habe ich mich selbst gefragt, wozu ich denn eigentlich da bin und mir gesagt: ,Mach's einfach, du wirst es schon schaffen!' - und siehe da, es lief nicht mal schlecht."
Schwierige Situationen meistern
Elmar hatte erwartet, "daß es im Krankenhaus so ist, wie es im Fernsehen dargestellt wird. Aber das war ein Irrtum. Dort sieht man die anstrengende Arbeit der Pflegerinnen und Pfleger nicht...".
"Man muß lernen, mit den unangenehmen Situationen zurechtzukommen, auch mit dem Tod", stellt Maria-Lucia fest. "ich finde, jeder sollte so eine Erfahrung durchmachen, um auch die andere Seite des Lebens kennenzulernen. Nach diesen Wochen weiß ich, daß es schwer ist, wahre Hilfe zu geben. Und ich weiß: wenn wir alt und krank sind, werden wir genauso froh sein, einen Menschen zu haben, der für uns da ist, wenn wir ihn brauchen."
Seit sechs Jahren wird das Modellprojekt an katholischen Schulen erprobt. Jetzt liegt eine wissenschaftliche Auswertung vor, in der die Erfahrungen mit Compassion an verschiedenen Schultypen untersucht wurden.
Gute Noten für soziales Lernen
"Das Wichtigste an Compassion sind die Verarbeitungsprozesse", meint Lothar Kuld, der mit dem wissenschaftlichen Bericht beauftragt wurde. "Sozialverpflichtete Haltungen bilden sich nicht von allein", so der Karlsruher Pädagogikprofessor. Entscheidend für den ethischen Lernprozeß sei die Kombination von Erlebnis und Reflexion - wie sie im Compassion-Projekt angelegt ist.
Gute Noten also für das Projekt "Soziales Lernen". Jetzt soll Compassion in möglichst vielen Schulen laufen, wünschen sich die Initiatoren. "Denn nur dann kann man von einem umfassenden Erfolg sprechen."
BRIGITTE BÖTTNER