
Kirchliche Stiftung des öffentlichen Rechts
27.04.2012
04.05.2012
Einstellung zu sozialen Fragen
Konradsblatt; April 1999
Die Einstellung zu sozialen Fragen ändert sich
Seit sechs Jahren gibt es an katholischen Schulen das Modellprojekt "Compassion". Zweiwöchige Praktika in sozialen Einrichtungen und Begleitung im Unterricht sollen Schüler zu sozialen Menschen erziehen. Der Karlsruher Pädagogik-Professor Lothar Kuld erforschte das Pilotprojekt wissenschaftlich.
Herr Kuld, nach dem Ergebnis Ihrer Untersuchung ist das Modellprojekt "Compassion" auch für staatliche Schulen zu empfehlen, Warum?
Kuld; "Compassion" verstärkt eindeutig die Bereitschaft junger Menschen, sozial zu handeln. Das Besondere an dem Projekt ist, daß Praxis und Unterricht miteinander verbunden werden. Das Praktikum allein würde nicht zu einem Einüben ethischer Haltungen führen. Das "High-Gefühl" nach dem Praktikum läßt nämlich schnell nach. Nur wenn diese Erlebnisse im Unterricht reflektiert werden, führt es zu Veränderungen im Verhalten.
Welche Veränderungen haben Sie bei den Schülern festgestellt?
Das Praktikum holt Lebenswelten in der Schule, mit denen die Jugendlichen ansonsten in der Realität gar nichts zu tun haben. Bei den jungen Menschen gibt es ein großes soziales Potential, das aber geweckt werden muß. "Compassion" zeigt: Junge Menschen sind bereit, sich für andere zu engagieren. Dazu braucht es Unterstützung und Anerkennung aus dem Umfeld. Wenn Eltern und Freunde nicht viel von dem Projekt halten, wird auch der Schüler nicht dahinterstehen. Für die meisten ist das Praktikum aber eine wertvolle Erfahrung.
Sind die Schüler nach dem Praktikum sozialer als vorher?
So einfach ist es natürlich nicht. Aber die Einstellung zu sozialen Fragen ändert sich. Vor dem Schuljahr kann sich die Hälfte der Schüler etwa ein unbezahltes soziales Pflichtjahr oder ähnliches nicht vorstellen. Nach dem Projekt können sich zwei Drittel mit der Idee anfreunden. "Compassion" führt auch zu einem stärkeren Selbstwertgefühl. Ein Beispiel aus einer Förderschule: Vor dem Projekt sagen zwei von neun Schüler, sie wollten den Hauptschulabschluß machen, nach dem Praktikum trauen sich das sieben Schüler zu.
Kritiker des Projekts sagen, die Schule leiste schon genug. Lehrer fühlen sich überfordert.
Die Kritik ist berechtigt, wendet sich aber nicht gegen das Projekt selbst. Es stimmt, daß sich die Lehrer nicht richtig vorbereitet fühlen. An diesem Punkt ist "Compassion" auch verbesserungswürdig, etwa durch entsprechende Weiterbildungsseminare für Lehrer. Die Schüler machen nämlich in den sozialen Einrichtungen Erfahrungen, die sie den Lehrern unter Umständen voraushaben.
Haben Jungen ebensoviel Spaß an "Compassion" wie Mädchen?
Nein, da gibt es Unterschiede. Bei Mädchen kam das Projekt generell besser an als bei Jungen. Offenbar gibt es noch immer eine weibliche und eine männliche Moral. Fürsorge und Aufbau von Beziehungen sind für Mädchen wichtiger als für Jungen, die sich mit sozialem Engagement eher schwertun. Jungen lernen statt dessen, sich abzugrenzen und Konkurrenz zu entwickeln. Da reagieren sie auf das, was von ihnen erwartet wird.
Kirchlich gebundenen Jugendlichen wird besonders viel gesellschaftliches Engagement bescheinigt Auch bei "Compassion"?
Jugendliche, die sich in Pfarrgemeinden engagieren, bewerten "Compassion" grundsätzlich positiver als andere Jugendliche. Das hängt damit zusammen, daß sie meist sozial besser integriert sind. Sie haben häufig einen besseren Draht zu ihren Eltern und positive Erfahrungen mit älteren Menschen. Außerdem muten sich kirchlich gebundene Jugendliche bei den Praktika mehr zu. Sie gehen eher in die als "hart" empfundenen Einrichtungen der Behindertenhilfe und Altenpflege, während bei den anderen Kindergärten beliebter sind.
INTERVIEW: DIETER KLINK