Schulstiftung der Erzdiözese Freiburg
Kirchliche Stiftung des öffentlichen Rechts
Compassion

Wie ich lerne, die Menschen...

Publik-Forum Nr. 12-2000

Wie ich lerne, die Menschen zu lieben

Der Gesellschaft fehlt Solidarität. Kann die Schule diese Fähigkeit trainieren?
Fragen an den Religionspädagogen Lothar Kuld
Von Wigbert Tocha


PUBLIK-FORUM: Fehlt es unserer Gesellschaft an Mitgefühl?

LOTHAR KULD: In unserer Gesellschaft kommt die Fähigkeit zur Solidarität abhanden. Das ist auch empirisch belegt. Das liegt weniger daran, dass die Menschen keine guten Menschen mehr sind, sondern daran, dass sie Angst haben müssen, zu kurz zu kommen, wenn sie etwas abgeben, und sei es nur Zeit. Das macht unfähig zur Solidarität, zur Kooperation, zu Engagement und Zusammensein mit anderen. Der Grund ist die Individualisierung der Lebensentwürfe. Wir sind nicht mehr so stark in Familiensysteme, Milieus und Traditionen eingebunden, auch die Religionen enttraditionalisieren sich. Jeder entwirft sein eigenes Leben und schaut immer mehr nach sich selber.

PUBLIK-FORUM: Kann man diese Fähigkeit trainieren?

KULD: Sie muss kultiviert werden. So wie ich lernen muss, wie man rechnet oder liest, so muss ich lernen, wie ich Begegnungen mit anderen aufnehme. Solche Begegnungen müssen organisiert werden, weil viele Menschen aus unserem Gesichtskreis entschwunden sind: die Kleinkinder, die so genannten Behinderten, die Alten, die Kranken, die Obdachlosen. Wir brauchen Institutionen, die Begegnung ermöglichen.

PUBLIK-FORUM: Und darum geht es bei "Compassion" - was bedeutet das Wort?

KULD: Der Begriff "Compassion" kommt aus dem Amerikanischen und heißt Mitleid, im Sinne von Mit-Leiden, Mit-Leidenschaft, Empfindsamkeit für das Leid des anderen. Es geht um eine Haltung sozialen Engagements, die aus einem menschlichen Mitgefühl kommt: Ich helfe einem anderen, weil er ein Mensch ist.

PUBLIK-FORUM: Was leistet die Schule in dieser Hinsicht?

KULD: Die Schule schwankt zwischen Verzagtheit und Größenwahn. Auf der einen Seite gibt es den Traum der Reformpädagogik, die Schule könne ein Ort der Humanisierung sein, wo die Kinder sich wohlfühlen. Damit übernimmt sich die Schule. Und auf der anderen Seite gibt es Schulen, die sich auf das Minimalprogramm beschränken, in denen die Lehrer sich überfordert fühlen. In der Mitte liegt der Weg. Die Schule muss sich auf das besinnen, was sie kann. Sie kann Modelle finden, die in der Wirklichkeit bestehen und handlungswirksam werden.

PUBLIK-FORUM: Beschreiben Sie das Compassion-Modell!


KULD: Das Compassion-Projekt ist ein Sozialpraktikum in Verbindung mit Unterricht. Sicher, es gibt viele Formen von Sozialpraktika, zum Beispiel Berufspraktika, und im Rahmen von Projektwochen gehen Schulen auch in Altenheime oder in Behinderteneinrichtungen. Aber beim Compassion-Projekt steckt die Einsicht dahinter: Erlebnispädagogische Maßnahmen allein genügen nicht, das Erlebnis verpufft, es führt noch nicht zu einer reflektierten ethischen Haltung. Die Schüler müssen sich im Unterricht damit auch kognitiv (auf das Begreifen bezogen) befassen. Das kann beim Compassion-Projekt in allen Fächern geschehen: in Sozialkunde, Sprachen, Religion, aber auch in Biologie oder in Geschichte - überall lassen sich Themen finden, die mit dem Behindert-, Alt-oder Kranksein zu tun haben. Wenn jemand im Altenheim war, kann man Texte von Ernst Klee lesen, man kann historische Vergleiche anstellen, sich mit anderen Ländern oder mit Organisationen befassen, die sich um alte Leute kümmern. Da gibt es eine Fülle von Anknüpfungspunkten. Auch im Fach Kunst lassen sich die Erfahrungen kreativ aufarbeiten. Oder im Mathematikunterricht: Der Lehrer oder die Lehrerin kann über die Folgen von Statistik aufklären, die Folgen von technologischer Vernunft, wenn ich kaltherzig etwa durchrechne: Was kostet es, wenn es eine bestimmte Zahl an behinderten Menschen gibt?

PUBLIK-FORUM: Wo gehen die Schüler hin?

KULD: Sie gehen zwei Wochen lang in ein Altenheim, in eine Behinderteneinrichtung, in die Obdachlosen- oder Flüchtlingsbetreuung, in Kindergärten an Brennpunkten oder in Krankenhäuser. Da nehmen sie am normalen Dienst teil. Sie sollen in Kontakt mit Menschen kommen. Sie können alten Menschen etwas vorlesen, mit behinderten Kindern spielen, kleine Hilfsdienste verrichten. Das wird, wie gesagt, im Unterricht begleitet. Die Lehrer sind Ansprechpartner. In Gymnasien findet das Praktikum in der elften Klasse, in Real- und Hauptschulen in der neunten Klasse statt.

PUBLIK-FORUM: Ist das Projekt auf katholische Schulen beschränkt?

KULD: Compassion ist keine katholische Sondertugend, sondern etwas, was jeder Mensch hat. Das Modell gibt es seit 1993, es geht auf einen Beschluss der freien katholischen Schulen in Deutschland zurück. Zunächst war es, in den Jahren 1996 bis 1998, ein Modellversuch in der Erzdiözese Freiburg. Inzwischen hat das Projekt Kreise gezogen, katholische Schulen etwa in Hamburg und Bonn haben sich angeschlossen - und in Baden-Württemberg auch staatliche Schulen. Im neuen Schuljahr will das Land das Praktikum als Möglichkeit zur Profilbildung der Schulen anbieten und es in die Lehrerfortbildung aufnehmen. Dann werden insgesamt rund hundert Schulen bei dem Projekt mitmachen.

PUBLIK-FORUM: Was ist der Nährboden, auf dem heute ein solches Projekt funktioniert?

KULD: Noch in meiner Jugend hat man Menschen geholfen aus einer Verpflichtung der Familie oder einer Religion gegenüber oder aus der Verpflichtung heraus, die man als katholischer Schüler gespürt hat. Die heutige Generation hilft, weil die Menschen es wollen, weil sie es für sinnvoll halten. Systeme wie die Pflegeversicherung entbinden mich heute von einer direkten Verpflichtung der Familie gegenüber. Mein alter Vater kann auch ohne mich klarkommen. Wenn ich ihm helfe, dann helfe ich ihm, weil ich es will, und wenn ich ihn besuche, tue ich es, weil ich es will. Die Enttraditionalisierung bietet die Chance einer ehrlicheren Solidarität.

PUBLIK-FORUM: Sind die Jugendlichen der Spaßgeneration dafür zu haben?

KULD :Wenn das Projekt in die Schulen hineinkommt, reagiert ein Großteil der Schüler mit wohlwollender Unentschiedenheit. Doch nach den Praktika und in der Nachuntersuchung am Ende des Schuljahres sagen 80 bis 90 Prozent der Schüler: Das ist eine Erfahrung, die jeder machen sollte. Die Schüler sind dabei stark an ihrem Eigeninteresse orientiert und an Solidarität auf Zeit. Das hat der Soziologe Ulrich Beck einmal als "solidarischen Individualismus" beschrieben. Wenn es begrenzt ist, überschaubar und einsehbar, dann engagiere ich mich, aus der Situation heraus. Ich muss aber auch wieder aussteigen dürfen, wenn es für mich nicht mehr stimmig ist. Es ist eine Mischung, die ungeniert Eigeninteresse und Solidarität verbindet. Die Jugendlichen helfen nicht, weil sie Opfer bringen wollen oder weil sie sich einer katholischen oder evangelischen oder sozialistischen Tradition verpflichtet fühlen, sondern sie helfen, weil es ihnen Spaß macht. Und das sagen sie auch: Es hat Spaß gemacht. Sie merken: Es hat mit mir selber zu tun, es ist für mich ein Zugewinn an Lebensqualität. Manche sagen dann: Ich habe nicht gewusst, dass es interessant sein kann, alten Leuten zuzuhören. Oder: Zum ersten Mal habe ich erlebt, dass jemand morgens auf mich wartet, wenn ich in den Kindergarten gekommen bin. Die Schüler haben, oft zum ersten Mal seit langem, das Gefühl, wertvolle Arbeit zu leisten. Sonst empfinden die Schüler, gerade auch die Gymnasiasten, die Schule als etwas, was man abhängen kann, was nicht sinnvoll ist, was mit ihnen nicht so viel zu tun hat. So entsteht durch das Compassion-Projekt in einer Rückkopplung oft auch ein neues Interesse an Schule. Sie fragen nach: Was kann die Schule mir lebenspraktisch bieten? Was bieten mir die Lehrer im Unterricht? Die Schüler kommen nach den Praktika als Experten im Sozialen, als Erfahrene, mit Erfahrungen, die die Lehrer oft nicht haben. Nun müssen die Lehrer versuchen, mit diesen Schülern ins Gespräch zu kommen. Das bringt eine neue Qualität in den Unterricht.

Kontakt: Compassion, c/o Schulstiftung der Erzdiözese Freiburg, Dietfried Scherer, Münzgasse 1, 79090 Freiburg
Initiator des Compassion-Projekts ist der frühere Leiter der Schulstiftung, der Pädagoge Adolf Weisbrod


Wigbert Tocha